Lilien im Sommerwind by Roberts Nora

Lilien im Sommerwind by Roberts Nora

Author:Roberts, Nora [Roberts, Nora]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783453502147
Google: MqOHAAAACAAJ
Amazon: 3453502140
Publisher: Heyne
Published: 2007-07-30T22:00:00+00:00


Als sie in ihre Straße einbog und das Haus sah, begann sie dieses Wunder zu begreifen. Wie hatte es früher ausgesehen - und wie sah es jetzt aus? So, wie ich früher war und wie ich jetzt bin.

Tory legte den Kopf aufs Lenkrad und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Sie saß auf dem Boden und versuchte, nicht zu weinen. Nur Babys weinten. Und sie war keine Heulsuse. Dennoch konnte sie die Tränen nicht zurückhalten.

Sie hatte sich Knie, Ellbogen und den Knöchel an der Hand aufgeschlagen, als sie vom Fahrrad gefallen war. Die Hautabschürfungen brannten und Blut tröpfelte hervor. Am liebsten wäre sie zu Lilah gegangen und hätte sich von ihr in den Arm nehmen und trösten lassen. Lilah würde ihr einen Keks geben und alles wäre wieder gut.

Sie wollte sowieso nicht lernen, auf diesem blöden Fahrrad zu fahren. Sie hasste dieses Fahrrad.

Es lag neben ihr, und ein Rad drehte sich noch immer, als wolle es sie verspotten. Schniefend legte sie den Kopf auf ihre verschränkten Arme.

Sie war gerade erst sechs Jahre alt.

»Hope! Was machst du da?« Cade kam den Weg heruntergerannt. Sein Vater hatte ihn am Eingang zu Beaux Reves abgesetzt und ihm für den restlichen Samstag freigegeben, und er hatte an nichts anderes denken können, als möglichst schnell zu seinem Fahrrad zu kommen und zum Sumpf zu radeln, um sich dort mit Wade und Dwight zu treffen.

Und jetzt lag sein altes, geliebtes Dreigang-Fahrrad kaputt am Boden und seine kleine Schwester kauerte daneben.

»O Mann, sieh dir das an! Die Farbe ist abgegangen.

Verdammt!«, zischte er leise. Er hatte gerade erst damit begonnen, heimlich zu fluchen. »Du durftest mein Fahrrad nicht nehmen. Du hast selbst eins.«

»Bloß ein Babyfahrrad.« Tränen strömten über Hopes schmutzige Wangen. »Mama erlaubt nicht, dass Papa die Stützräder abmacht.«

»Na ja, klar, warum wohl!« Erbost hob Cade sein Fahrrad auf und warf ihr einen überlegenen Blick zu. »Geh rein und lass dich von Lilah waschen. Und rühr meine Sachen nicht an.«

»Ich will es doch nur lernen.« Sie wischte sich den Rotz unter der Nase weg und sagte trotzig: »Ich könnte genauso gut Fahrrad fahren wie du, wenn es mir jemand beibrächte.«

»Ja, klar.« Schnaubend schwang er ein Bein über die Stange. »Du bist doch nur ein kleines Mädchen.«

Empört sprang sie auf. »Ich werde aber größer«, erwiderte sie wütend. »Ich werde größer und dann fahre ich schneller als du oder irgendjemand sonst. Und dann wird es dir Leid tun.«

»Oh, ich zittere vor Angst.« Erheitert blickte er sie aus seinen tiefblauen Augen an. Wenn ein Junge schon mit zwei kleinen Schwestern gestraft war, dann konnte er sich wenigstens schadlos halten, indem er sie neckte. »Ich werde immer größer sein, ich werde immer älter sein. Und ich werde immer schneller sein als du.«

Ihre Unterlippe bebte, ein sicheres Zeichen dafür, dass noch mehr Tränen im Anmarsch waren. Er zuckte höhnisch mit den Schultern und begann, den Weg entlangzufahren, wobei er kleine Kunststückchen vollführte, um seine überlegenen Fähigkeiten zu demonstrieren.

Als er sich breit grinsend umsah, um sich zu vergewissern, dass sie es mitbekommen hatte, stand sie mit gesenktem Kopf da.



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